Benefizkonzert am So. 24. Nov. 2013 in der Martinskirche

 

Zahnlose Zeit?

Sie fanden nun doch nicht ganz zufällig zusammen, der evangelischen Kirchenchor und der Musikverein Neckartenzlingen. Ein uns allen bekannter Quälgeist sorgte für den entscheidenden Impuls. Welcher? Der Zahn der Zeit. Jawohl und der nagt bekanntlich. Er nagt auch dort, wo an die Ewigkeit gedacht und für die Ewigkeit gebaut wurde: an Kirchen. Er nagte gleichsam im ökumenischen Gleichbiss am Katholischen und am Evangelischen. In der oberen Pauluskirche ging deshalb der Orgel die Luft aus, und in der unteren Martinskirche bröckelte verdächtig, Schlimmeres ankündigend, der Putz. Ist guter Rat schon teuer, so sind es die Sanierungskosten erst recht.

 

Daher ersann man beim Musikverein für die Kirchengemeinden eine musikalische Schmerztherapie. Als ansehnliches, in diesem Falle sehr hörbares Resultat entstanden zwei Kirchenkonzerte, das eine oben, das andere unten.

 

Es war wohl kaum Zufall, dass das zweite Konzert ausgerechnet am Ewigkeitssonntag stattfand. Der Zeit den Zahn ziehen?

Wir Menschen ziehen diesen nicht. Das dokumentierte eindrucksvoll das Jugendorchester des Musikvereins unter der Leitung von Yvonne Nielitz mit dem Eingang zu „Also sprach Zarathustra“. Richard Strauss malt mit eindrucksvollem Pathos im Eingangsteil seiner Symphonie den Sonnenaufgang, freilich nicht irgendeinen, sondern den Sonnaufgang von Weisheit und Erkenntnis. Er folgt damit dem Anliegen des Verfassers von „Also sprach Zarathustra“, dem Philosophen Friedrich Nietzsche. Sie kennen das Ende? Nach dem pathetischen Aufleuchten folgt die Ernüchterung: Zarathustra scheitert mit seinem Anliegen, Weisheit und Erkenntnis zu den Menschen zu bringen: niemand will das hören. Der Apostel Paulus scheint dieses Drama, im musikalischen Duktus bleibend, vorausahnend zu kommentieren. „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönernes Erz oder eine klingende Schelle“ (1. Kor 13,1).

 

Was also ist es, das der Zeit den Zahn zieht? Die Liebe. In der Messe wird das Hohe Lied der Liebe gesungen. Wir feiern Christus, der sich in Liebe für uns hingab, die Zeiten wendete und uns ein wenig Ewigkeit spüren lässt. Denn Liebe verlangsamt. Liebe entkräftet die Hast, sie widersteht dem Oberflächlichen, verbindet gleichsam unten und oben, Zeit und Ewigkeit. Das „Agnus Dei“, das Lamm Gottes, hat das letzte – zeitlose –Wort. Der Kirchenchor unter der Leitung von Thomas Löw sang daher dieses Hohe Lied in zeitüberspannender Weise: die ur-alte Liturgie in moderne, gar swingende Rhythmen gekleidet. Mit Pauls Gerhardts gesungenem Bekenntnis „Alles Ding hat seine Zeit, Gottes Wort in Ewigkeit“ macht der Kirchenchor schließlich deutlich, dass der Ewigkeitssonntag ein Ausrufezeichen in einer Welt ist, die Vergänglichkeit nicht kennen und deshalb Zeit auf Null reduzieren will. Nein. Alles Ding hat seine Zeit. Gott allein ist Herr über die Zeit. Erhabenheit Gottes!

 

Diese Erhabenheit Gottes gilt es zu preisen. So führte uns das Stammorchester des Musikvereins unter Leitung Werner Tomschi in höhere, phantasieanregende Regionen. Mit „Highland Cathedral“ ging es musikalisch eindrucksvoll aufwärts, wurde die Ehrwürdigkeit Gottes spürbar. Das Bild einer Kathedrale gar wollte sich einstellen. Neckartenzlingen – ein Bischofssitz? Ein wenig verwegen, in der Tat. Aber Musik hat das Recht, unserer Phantasie Flügel zu verleihen. Der Bodenkontakt ging indessen nicht verloren, denn ein breites, einhaltendes Amen unterstrich unsere menschliche Bedürftigkeit greifbarer, bodennaher göttlicher Fürsorge.

 

Pfarrer Kopp dankte schließlich den so engagiert Musizierenden und erbat den Segen für unser aller Weg durch die kommenden nagende Zeitläufte. Wir entkommen diesen nicht, aber im Advent, dem Entgegenkommen Gottes, finden sie ihren Meister.

Gert Murr