Die Passion Christi – eine Passionsmusik zur Sterbestunde Jesu

Mit Passionsliedern, Musik und Texten aus dem Markusevangelium wollen wir diese Stunde jetzt erleben, die uns Gottes größten Dienst vergegenwärtigt, den Dienst der leidenden Liebe, den Dienst des Sterbens zum Leben“; so führte Pfarrer Ulrich Kopp in die Passionsmusik ein und machte damit Inhalt und Ziel dieses Konzerts am Karfreitag deutlich.

Das Passionsgeschehen lebendig werden zu lassen durch Musik, die Herz und Verstand gleichermaßen in Schwingung versetzt; das gelang dem Kirchenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Neckartenzlingen unter der Leitung von Thomas Löw ebenso, wie Benjamin Löw mit seiner beeindruckenden Orgelimprovisation zum Choral „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“. Er gab der 1. Strophe des Kirchenliedes ein vielgestaltiges und registerreiches Klangbild und spürte in expressiven und lyrischen Passagen dem Text von Paul Gerhardt nach.

Die Programmfolge entsprach dem Anspruch, die Passion zu bedenken, in vollem Maß. Die Bedeutung des Passionsgeschehens kam in den Vertonungen von Texten, aus unterschiedlichem Zeitgefühl heraus komponiert, zum Ausdruck. Das war gleich zu Anfang in zwei Chorliedern zu spüren: das eine in der Tradition des Kirchenliedes aus dem 17. und 18. Jahrhundert, das andere aus der christlichen Popmusik des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ein meditatives Stück für Orgel und Klarinette (Lukas Löw) aus der christlichen amerikanischen Pop-Musik „He loves me“ reflektierte gleichsam die Lesung von der Salbung Jesu in Bethanien (Markus 14,3-9) in emotionaler Innerlichkeit.

Mit dem „Passionsgesang“ von Josef Gabriel Rheinberger aus dem Jahr 1867 folgte eine Passionsmeditation für Chor und Orgel, erweitert um ein kleines Ensemble (Lukas Löw und Carolin Strampp, Klarinetten). Ungewöhnlich und dem spätromantischen Zeitgeist entsprechend ist die Vertonung eines deutschen Textes in Gedichtform. Aus der Sicht einer mitleidenden Seele setzt er sich mit dem biblischen Passionsbericht und den sieben Worten Jesu am Kreuz in andachtsvoller, empfindungsreicher Weise und voller Innerlichkeit auseinander. Die Klangwelt der Komposition wird bestimmt durch das tragische c-Moll des Eingangssatzes “Zum Kreuzestode führen sie meinen Jesus hin“. Schlichte liedhafte Form sowie harmonisch reizvolle, überraschungsreiche Partien charakterisieren dieses Werk. Der Chor entwickelte ein stimmungsvolles Klangbild, das in einem hymnengleich vorgetragenen Schlusssatz in strahlendem C-Dur ‑ „Nun waltet Klarheit nieder“ ‑ den Sopran bis zum a’’ führte. Die Interpretation des Chorleiters trug der Textverständlichkeit und Differenzierung der Klangfarbigkeit der Komposition Rechnung, wenn z. B. ein kleiner Chor eingesetzt oder der vierstimmige Chorsatz auf eine Stimmlage reduziert wurde.

Das musikalische Erlebnis wurde in der folgenden Lesung aus

Mk 15,20-41 von „Jesu Kreuzigung und Tod“ und durch einen stimmungsvollen Chorsatz von 1974 des Kirchenliedes „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ vertieft.

In das 16. Jahrhundert zurück führte dann das „Adoramus te“ von Giovanni Pierluigi da Palestrina, bewegend und in klarer Textverständlichkeit vorgetragen.

Eine lange, gleichsam konzentrierte Stille, einstimmiges Glockenläuten und der Segen durch Pfarrer Kopp beschloss eine eindrucksvolle Passionsmusik in der sehr gut besuchten Martinskirche.

 

                                                                                                    Helmuth Kern