Vielschichtiges Passionskonzert des Nürtinger Kammerchores

Bild: Erika Kern

Im Rahmen eines Benefizkonzertes sang am 15. März der Nürtinger Kammerchor unter der Leitung von Hans-Peter Bader in der Martinskirche neun Vokalkompositionen, die den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern Anlass gab, sich auf die Vielschichtigkeit des Passionsgeschehens einzustimmen, wie das Pfarrer Ulrich Kopp in seiner Begrüßung ansprach.

Werke unterschiedlicher musikalischer Prägung standen auf dem Programm, das mit Anton Bruckners dunklem vierstimmigem Graduale in d-moll „Christus factus est“ (1884) begann. Dieses Werk des tief religiösen Komponisten mit ihrer differenzierten chromatischen und modulatorischen Linienführung rückt die Botschaft von der erlösenden Tat Christi ins Zentrum. Es folgte Johann Kuhnaus fünfstimmige Motette „Tristis est anima mea“ in f-moll, mit der die Zuhörer in den Garten Gethsemane versetzt und Zeugen von Jesu Appell an die Jünger werden, mit ihm in der letzten Nacht vor seinem Tod zu wachen. Der Thomaskantor in Leipzig und Vorgänger Johann Sebastian Bachs verzichtet auf barocke opernhafte Dramatik und entwickelt einen fließenden Klagegesang.

Sinnstiftend schloss sich Heinrich Kaminskis 1912 vertonter Psalm 130 „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“ an. In diesem Frühwerk wird seine hohe Wertschätzung Bachs hörbar. Diese Motette für vierstimmigen Chor und Sopransolo zeigt in ihren drei Teilen die Entwicklungslinien des Psalms auf: dem Ruf aus der Tiefe folgt das von Hoffnung getragene Warten auf Gottes Hilfe, das in die Gewissheit der Erlösung mündet. Eindrücklich und intonationsrein sangen hier Karina Beier und Andrea Fath den über den Chorstimmen schwebenden Part.

Überzeugend, eindringlich dicht und leicht zugleich interpretierte dann der Chor den vierstimmigen homophonen Satz der Motette „Ach, arme Welt“ in f-moll (1899) von Johannes Brahms. Mit diesem strophisch komponierten Lied zum Text eines unbekannten Dichters, in dem sich barocke und romantische Emotionalität vereinen, schloss der erste Teil eines Konzerts, in dem der Chor immer wieder seine stimmlichen Qualitäten unter Beweis stellte und sich durch hohe Verständlichkeit der Texte auszeichnete.

In der Folge musizierte Ingrid Herpich, Konzertmeisterin der Kammersymphonie des Nürtinger Konzertensembles, kraftvoll und differenziert artikulierend, vibratoreich und mit prägnanter Spieltechnik den 1. Satz, das Adagio, aus der Sonate für Violine Solo Nr. 1 g-moll, BWV 1001 (1720) von Johann Sebastian Bach; eine Komposition in reicher Mehrstimmigkeit. Dieser instrumentale Einschub war eine „Musikpause mit Reflektionscharakter“.

Es folgte das 1999 komponierte Antiphon zum Gründonnerstag „Ubi caritas et amor“ von Morten Lauridsen. Sensibel und transparent arbeitete der Kammerchor die gregorianischen Stilelemente und kontrapunktischen Akzente heraus. Mit Fritz Kreislers Rezitativo, seinem Freund Eugene Ysaye gewidmet, gestaltete dann Herpich virtuos die zweite musikalische Pause.

Josef Gabriel Rheinbergers barockhaft polyphone Fassung des „Christus factus est“ (1877) und die harmonikal äußerst diffizile und expressive Bearbeitung des „Tristis est animea mea“ (1611) des komponierenden Renaissancefürsten Carlo Gesualdo folgten; wobei sich bei letzterem die Violinbegleitung nicht als unbedingt notwendig erschloss.

„Liebesleid“, ein Zeugnis Kreislerscher Kompositionskunst, sehnsuchtsvoll, melancholisch und liedhaft, gespielt mit dem typischen Handgelenkvibrato, bildete die dritte Musikpause.

Es folgte die verstörende Motette „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger, die er an Karfreitag 1945 schrieb, nachdem Dresden in Schutt und Asche lag. Angeregt von den Klageliedern Jeremias ist seine Klage um den Untergang seiner Stadt im Bombenhagel. Die Mottete steht in f-moll, Dissonanzen, tonale und freie Satztechnik prägen sie. Der Blick geht auf die Menschen, die Gott nach dem Warum fragen und am Ende ihn verzweifelt um Anteilnahme an ihrem Elend bitten.

Gleichsam als Ausblick auf Ostern schloss das Konzert mit Rheinbergers bekanntem Abendlied (1855), der Bitte der Jünger in Emmaus, der Herr möge bei ihnen bleiben. Der schlichte vierstimmige Satz wurde ohne Pathos vorgetragen und entfaltete so seine ergreifende Wirkung.

Was das Programm dieses Konzerts auszeichnete, erschloss sich nicht auf den ersten Blick; doch die Reflektion des Abends ergibt, hier wurde auf drei unterschiedlichen Ebenen Leiden und Mitleiden zur Musikgestalt: in den Vertonungen biblischer Texte zur Karwoche, im Schicksal einer zerstörten Stadt und ihrer Bewohner und im persönlichen Schicksal eines Komponisten, den Rassenhass und Diktatur 1939 zur Emigration zwangen.

Nach dem großen Applaus dankte der Federführende des Fundraisingteams, Hans Gommel, für dieses Benefizkonzert zugunsten der Innenrenovierung der Martins- kirche. Er lud den Chor zu einem Imbiss ein, den Grete Kilgus – die zu Anfang dankbar auf die Bereitschaft des Kammerchors zu diesem Passionskonzert hingewiesen hatte – mit ihrem Team im Chor der Kirche vorbereitet hatte.

 

Helmuth Kern