Serenade unter dem Kirchturm : Sinn-Phonie des Dankens

Schwaben sind bekanntermassen sehr zurückhaltend, wenn es ums Loben und ums Danken geht: „Nix gsait ischt globt gnuag“.

Mancher  wortkarge Schwabe freilich fällt geradezu lähmender Sprachlosigkeit anheim, wenn es um das Gotteslob geht: da schweigt des Sängers Höflichkeit nun völlig….Wirklich ?

Nein: Posaunenchor, Kirchenchor und Jugendchor traten einen eindrucksvollen Gegenbeweis an. Erntedank im vollen Chor:  die Serenade unter dem Kirchturm am 4. Oktober füllte den Kirchhof  und die Herzen von Zuhörer und Beteiligten mit lebendigem, begeisternden Gotteslob.

Die gewählte Vorsitzende des Kirchengemeinderates, Karin Löw, konnte eine solch große Besucherzahl begrüßen, dass sogar zusätzliche Stühle eilig herbeigebracht werden mussten.

Wo die Fülle ist, da will sich Dank einstellen besonders bei dem und denen, die sich als Beschenkte verstehen und erfahren. So eröffneten Kirchenchor und Posaunenchor denn auch geradezu programmatisch den weiten Reigen der musikalischen Darbietungen mit dem Chor-und Instrumentalsatz: „ Ich will den Namen des Herrn loben.“ Chorleiter Thomas Löw, zuweilen dirigierend, zuweilen dirigierend und trommelnd, zuweilen moderierend, gelang es, trotz dieser  vielseitigen Herausforderungen eine Atmosphäre der Leichtigkeit zu fördern.

Nein, das war keine kirchliche Pflichtdankübung, es machte Spaß, es wurde gelacht und es wurde genossen (Hendadrei hot’s no au no ebbas zom Essa geba). Gelegentlich kam ein Schwarm Tauben vorbei, setzte sich auf den Kirchturm und beobachtete das muntere Geschehen da drunten. Zufall ?

Freilich, er war auch nicht allein, der Dirigent, zwei andere gesellten sich dazu, Marina Scherer und ihr Bruder  Tobias  leiteten konzentriert und engagiert den Jugendchor :“Es gibt  bedingungslose Liebe, es gibt Versöhnung, selbst für Feinde“ sangen sie, die Jungen. Ein Lebensmotiv?

 

Sinn-Phonie: „Nun lob mein Seel’ den Herren.“ - Kompositionen von Heinrich Schütz wurden vorgetragen. Sie machen Freude und sie machen nachdenklich. Entstanden sind sie im 30 Jährigen Krieg, in einer Zeit also, in der Deutschland auf ein Drittel seiner Bevölkerung schrumpfte. Katastrophaler die damaligen Umstände, so muß man annehmen, als das Elend des 2 Weltkrieges. Den Herren unter solchen Umständen loben? Gotteslob ist nicht nur ein emotionaler Schönwetterevent. Unser Gott trägt die Zeichen, die Wunden des Leidens in sich. Gott steht gerade solchen Menschen bei, die tiefes, ja tiefstes Leid erfahren: Dank sei dir, Gott, auch unter Tränen. Der Kirchhof, auf dem wir standen, musizierten und zuhörten, war schließlich einmal Friedhof, tränengetränkt sicherlich.

Die Freude freilich obsiegt.  Ein eindrucksvoller Erntedank der ganzen Gemeinde. So sangen sie schließlich alle zusammen,  im modernen Rhythmus vereint und bewegt:   „Lobpreis und Ehre, sei dir, ewiger Gott“.  Wir, die Zuhörenden, haben uns dann, beim sich anschließenden reichen Imbiß erlaubt, auch die Akteure reichlich zu loben: es ist einfach schön, dass wir einen solch anregenden, nährenden und sonnigen Serenadenabend erleben konnten.

 

Gert Murr