Die Notwendigkeit des Teilens

Am 4. März 2011 haben wir den Weltgebetstag mit einem eindrucksvollen Gottesdienst gefeiert, dessen Liturgie von einem Komitee von Frauen aus Chile erarbeitet worden ist. An diesem Tag wird nach derselben Liturgie, mit den gleichen Liedern und Gebeten, eben nur in verschiedenen Sprachen, in vielen Gemeinden unterschiedlicher christlicher Gemeinschaften in über 170 Ländern rund um die Erde Gottesdienst gefeiert. In ihm wird die weltumspannende Gemeinde Jesu Christi deutlich

Dass es diese größte ökumenische Laieninitiative gibt, ist etwas Großartiges; sie leistet eine ganz bedeutende Friedensarbeit.

Solch eine gemeinsame globale Aktion ist wohl für die Frauen in Ländern der Dritten Welt, die oft unter schwierigsten Bedingungen leben, sozial, wirtschaftlich und was ihre Lebensqualität anbelangt. etwas Aufbauendes; anders noch als für uns, die wir in relativ gesicherten Verhältnissen leben,

 

Etwa vierzig Frauen aus ganz Chile, aus mehr als acht verschiedenen christlichen Konfessionen, bildeten das chilenische Weltgebetagskomitee, das seit einem Vorbereitungsworkshop im Jahre 2007 den Gottesdienst erarbeitete.  

Chile, das Land entlang der Pazifikküste, hat mit seinen 4.200 km Länge und 200 km Breite, mit dem sehr hohen Andengebirge und der trockensten Wüste der Erde eine extreme Geografie. Dieser entsprechend mussten für eine ersprießliche Zusammenarbeit zunächst große Unterschiede und Spannungen überwunden werden. Die Frauen mussten sich während der Arbeit auch noch weiteren Problemen stellen: der wachsenden sozialen Ungleichheit und der brutalen Vergangenheit der Militärdiktatur des Generals Pinochet, deren Wunden heute noch spürbar sind. Es ist den Frauen gelungen, die Spannungen und unterschiedlichen Perspektiven zu verarbeiten und der Weltgebetstagsbewegung eine Gottesdienstordnung zu schenken, in der ihre Erfahrungen kritisch, solidarisch und hoffnungsvoll verarbeitet sind.

 

Während der achtziger Jahre lebte trotz andauernder massiver politischer Unterdrückung solidarisches Handeln wieder auf. Menschen wurden aktiv und kümmerten sich darum, die materielle Not zu lindern – trotz großer Widerstände von Seiten der Regierung. Es entstanden z.B. Suppenküchen zur Linderung des Hungers und zur Befriedigung von Grundbedürfnisse – aber nicht nur dazu, sondern auch, um persönliche Nöte miteinander zu teilen und um über mögliche Lösungen alltäglicher Schwierigkeiten nachzudenken.

 

Aus der Vorstellung heraus, mit anderen Vorhandenes zu teilen, haben die chile-nischen Frauen die Geschichte von Elia und der Witwe von Sarepta, die ihre letzten Vorräte mit Elia teilt, ausgewählt und einer zweiten aus dem Neuen Testament gegenüber gestellt.

„Wie viele Brote habt ihr?“ – dieser Satz aus der Erzählung von der Speisung der Fünftausend, der Leitspruch des Weltgebetstages als Impuls des Teilens, wurde in der Liturgie thematisiert: Jesus fragte dies seine Jüngerinnen und Jünger. Er fragt uns heute: „Wie viele Brote hast du?“ Im Gottesdienst haben wir Brot miteinander geteilt. Wir haben uns nicht nur auf unsere materiellen Güter besonnen, sondern auf unsere geistigen Gaben und Fähigkeiten, die wir für unsere Mitmenschen einsetzen können.

 

Es ist bewundernswert, wie die Menschen in Chile große Schwierigkeiten überwinden. So war es nach dem schreckliche Erdbeben am 27. Februar 2010. Die Ausmaße der Zerstörung und die große Zahl an Toten und Verwundeten hatten das Land zunächst völlig gelähmt. Doch dann setzte eine beispiellose Solidaritätskampagne des Helfens und Teilens ein, von der wirklich alle ergriffen wurden; Hoffnung und Zuversicht haben schließlich dieses Tief überwunden.

 

Nicht aufzugeben, nicht den Mangel beklagen, sondern sich bewusst werden, wie viel man doch hat, an Gaben und Talenten, um den Mangel zu überwinden, das bringt Mut und Kraft und schafft Gottvertrauen.

Das haben uns die Frauen aus Chile im Gottesdienst am Weltgebetstag vermit-telt. Das konnten wir als Impuls mit nach Hause nehmen. Und das ist we-sentlich, um für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.

                                         Erika Kern (leicht gekürzt)