Martinskirche mit Überraschung wiedereröffnet

Die Besucher des Festgottesdienstes in der voll besetzten Kirche.

Nach sechseinhalb Monaten Renovierungsarbeiten wurde die Martinskirche am Ersten Advent feierlich wieder ihrer Bestimmung übergeben. Viele Besucher des Festgottesdienstes und die zahlreichen, die den anschließenden Tag der Offenen Tür zur Besichtigung nutzten, konnten sich vom Erfolg der Runderneuerung überzeugen. Wer in den Kirchenraum eintritt, erlebt eine lichte, großräumige Atmosphäre, ein starkes Raumgefühl, weil der Windfang vor der seitlichen Tür weggefallen ist und die Holzbrüstung der Empore, durch ein transparentes Stahl-geländer ersetzt, nicht mehr die Blicke versperren. Ein neues Beleuchtungskonzept sorgt für besseres Licht, das aber je nach Anlass auch zu dimmen ist. Festliche Musik, Lukas Löw an der Orgel und ein vielstimmiges Gloria von Joseph Haydn vom Kirchenchor unter der Leitung von Thomas Löw, hieß die Gemeinde zum Eröffnungsgottesdienst will-kommen. Der Kirchen-bau als einen der Orte, wo Gott Wohnung nimmt, bestimmte die Predigt von Pfarrer Ulrich Kopp. „Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns“, wie es bei Johannes in der Bibel heißt, weise auf die Zweck-bestimmung hin. „Eine Versammlungsstätte, wo wir zusammenkommen können gegen das Alleinsein, wo wir unsere Fragen hintragen können gegen die Hoffnungslosigkeit, wo wir unsere Freuden hintragen können, um mit anderen zu feiern und vor Gott zu danken. Die ‚Gute Stube‘ fürs Glauben.“

 

Im Anschluss an den Gottesdienst überbrachte Jürgen Schöllhammer mit einem Geldbetrag die Grüße von Bürgermeister, Gemeinderat und Verwaltung. Der stellvertretende Bürgermeister verwies auf die vielen Generationen, die seit Jahr-hunderten in der vertrauten Kirche Schutz und Geborgenheit gesucht sowie Freud und Leid im gemeinsam gelebten Glauben geteilt hätten. Die spätmittelalterliche Martinskirche, das bedeutendste Bauwerk des Ortes, müsse auch für die kommenden Geschlechter gepflegt werden.

Schöllhammer zitierte Dekan Waldmann, der während der letzten Visitation der Gemeinde geraten habe: Es gelte nicht, die Asche der Vorfahren zu bewahren, sondern die Glut ihrer Überzeugungen weiter zu reichen.

 

Architekt Gregor Dahlmann zeigte sich mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Der Gottesdienstraum habe einen neuen Anstrich bekommen. Die Kirchenbänke wurden überarbeitet, die Kanzel erneuert, der Boden im Kirchenschiff erhielt einen Plattenbelag aus hellem, zum Chorraum passendem Naturstein. Die alte Elektrik wurde ausgetauscht, vorhandene Pendelleuchten mit moderner Licht-technik ausgestattet, der Eingang und der Bereich unter der Empore aufgefrischt.

Neu ist eine Schrankküche an der Rückseite des Kirchenraumes. Handwerker besserten das Dachgebälk aus, erneuerten die Außentreppe und bauten darunter ein WC ein. Das Erreichte, so schloss Architekt Dahlmann, betone den würdigen, festlichen und sakralen Charakter des Gotteshauses. Restauratorin Anja Brodbeck-Holzinger erläuterte die denkmalpflegerischen Sanierungsarbeiten. Zu reinigen und zu restaurieren waren das Kruzifix, stark verschmutzte Wandmalereien, das spätgotische Sterngewölbe sowie die Grabmonumente im Stil der Renaissance.

 

Mit einer handfesten Überraschung wartete Helmuth Kern auf. Seiner Initiative war es zu verdanken, dass, finanziert durch die bürgerliche Gemeinde, die Interessengemeinschaft Neckartenzlinger Ortsgeschichte und private Spender, Holzproben aus den Dachbalken des Kirchenschiffes und des Turmes entnommen und wissenschaftlich untersucht werden konnten. Das Ergebnis der Jahresring-analyse, durchgeführt vom Jahrringlabor Hofmann, Nürtingen, ist erst wenige Tage alt. Demnach wurde, so Helmuth Kern, das Holz im Dachstuhl des Langhauses in den Wintern der Jahre 1485/86 und 1486/87 gefällt, das des Turms erst 1517/1518. Das hat zur Folge, dass die Geschichte der Martinskirche neu geschrieben werden muss. Bisher galt 1518, die Jahreszahl am Turm, als Beleg für das Errichtungsjahr. Nun gilt das nur für den Turm, nicht aber für den Kirchenbau. Wahrscheinlich ist es, dass am Namenstag des Patrons, am Martins-tag 1487, die Kirche mit ihren heute noch im Langhaus sichtbaren Weihekreuzen an den Wänden eingeweiht wurde.

 

So wandelte sich die festliche Wiedereröffnung in eine Jubiläumsfeier, zu der die Landfrauen ein üppiges Kuchen- und Gebäckbuffet beisteuerten. Die Kirche ist wieder die „Gute Stube“ für die Gemeinde. Sie hat sich bewährt und das mittlerweile 525 Jahre lang. Und: sie wird auch weiterhin Glaubende wie Zweifelnde einladen ‑ als ein Ort der Stille und der Besinnung gegen den Lärm der Zeiten.

Eckhard Rahlenbeck